Reportage: Eindrücke aus einem PraktikumPlus-Workshop
Juliane Gau, angehende Journalistin aus Berlin, hat 2009 einen PraktikumPlus-Workshop besucht. Ihre Erfahrungen und Gespräche mit TeilnehmerInnen und DozentInnen hat sie in ihrer Reportage "Kleine Schritte zum Beruf" anschaulich zusammengefasst.
Kleine Schritte zum Beruf
Durch Praktika bekommen Jugendliche den ersten Kontakt zur Arbeitswelt. Das Programm „PraktikumPlus“ der SK Stifung Jugend und Medien in Bonn soll ihnen helfen, in Medien fit zu werden.
„Meine Räder sind weg!“ Lisa (Name der Teilnehmerin geändert) schaut verzweifelt auf den Bildschirm des Laptops. Eben waren sie noch da, die Räder des Eiswagens, den sie mit Hilfe des Computerprogramms „Flash Player“ auf dem Monitor hin- und herfahren lassen will. „Ich kann das alles nicht“ seufzt sie und schüttelt den Kopf. Der blonde Pferdeschwanz wippt dabei. Die 19jährige ist eine von vier Jugendlichen, die an einem Samstag im Oktober an dem Workshop „Bild-Welten im Internet erschaffen“ teilnimmt. Angeboten wird dieser von der SK Stiftung Jugend und Medien der Sparkasse Köln-Bonn im Rahmen von „PraktikumPlus“. Junge Erwachsene im Alter von 16 bis 21 Jahren können sich dabei fit machen lassen im Umgang mit Medien.
Medienkenntnisse gefragt bei Berufseinstieg
„Wir richten uns mit unserem Angebot ausdrücklich nicht an die so genannte ‚Generation Praktikum‘, wo junge Menschen mit abgeschlossener Ausbildung Praktika absolvieren“ sagt Björn Miethke, der das Programm betreut. „Wir wollen mit ‚PraktikumPlus‘ junge Erwachsene erreichen, die sich vor der ersten beruflichen Erfahrung für den Ernstfall wappnen wollen.“, sagt der 33jährige Wirtschaftspädagoge. Er weiß aus eigener Erfahrung und durch Gespräche mit Jugendlichen und Unternehmern, wie gefragt Medienkenntnisse beim Berufseinstieg sind.
„Ich war schon Praktikantin in einer Werbeagentur und habe mir Infos zu anderen Medienberufen geholt, aber so richtig weiss ich eigentlich noch nicht, was ich machen soll“ sagt Lisa. Inzwischen hat sie die Räder für den Eiswagen wieder auf den Bildschirm geholt. Das lilafarbene Eis mit dem breiten Grinsen, das auf das Dach des Wagens gezeichnet ist, scheint sie aufmunternd anzusehen.
Virtuelles Daumenkino
„Flash ist wie virtuelles Daumenkino“ erklärt Dozent Andreas Becker vom anderen Ende des Tisches aus; auf die Wand hinter ihm ist sein Bildschirm projiziert. Aufmerksam beobachten die vier jungen Frauen jeden seiner Arbeitsschritte, während er von Zeitleisten und Ebenen spricht: „Das Auge braucht etwa 80 Bilder pro Sekunde, damit es eine Bewegung wahrnimmt“. Er fügt das Schlüsselbild, den Eiswagen, auf der Zeitleiste des Programms ein; er geht um den Tisch und vergewissert sich, dass alle folgen können. „Der Computer soll uns doch die Arbeit abnehmen“ stoppt er Lisa, die den Eiswagen viel zu oft kopiert hat. „Grundsätzlich sind wir ja faul“ sagt der 22jährige Dozent mit einem Augenzwinkern durch die schwarzumrandete Brille. Durch die Altersnähe ist keinhierarisches Lehrverhältnis zwischen Lehrer und Schülern zu spüren, die Atmosphäre im fünften Stock eines Bürohauses in der Nähe zum Rhein ist entspannt.
Kontakte zu Unternehmen aus der Region
„Es ist eine gute Sache, Wissen weiterzugeben. Besser als im stillen Kämmerlein vor sich hinzuarbeiten“ sagt Andreas. Er rückt die grüne Mütze zurecht, die roten Turnschuhe stehen zu der Kopfbedeckung in Kontrast. Die schwarze Jeans neutralisiert die Farben, nur unter der grauen Strickjacke blitzt ein buntes TShirt hervor. „Man bekommt eine ganz andere Selbstsicht, das Wissen was man hat ist nicht mehr so alltäglich, so selbstverständlich“. In seinem privaten Umfeld seien alle irgendwie mit Medien beschäftigt. Andreas ist selbst noch in der Ausbildung zum Mediengestalter Digital und Print. Zum Workshop geschickt wurde er von seinem Arbeitgeber Snoopmedia, einem Dienstleister für ITLösungen aus Bonn.
„Die Dozenten stammen meistens aus kleinen und mittleren Unternehmen der Region“ erläutert Björn Miethke. „So können die Jugendlichen auch gleich erste Kontakte knüpfen“. Die Unternehmer spreche er über Netzwerke oder direkt an, um sie für die ehrenamtliche Tätigkeit zu gewinnen.
Den „Richtigen“ für das Leben finden
Einen Beruf für das Leben zu finden, ist nicht immer leicht. „Ich weiss auch noch nicht so genau, was ich machen will. Aber ich habe schon Erfahrung in einer Arztpraxis und bei einem Notar gesammelt“ sagt Elena, mit 20 Jahren mitten in der Übergangszeit zwischen Schule und Berufsleben. Praktika helfen, einen Einblick in Berufe zu bekommen. „PraktikumPlus“ ist ein kleiner Baustein, der dabei helfen kann.
Elena versucht, mit dem Programm „Photoshop“ ein Bild von einem Rettungsring zu bearbeiten. Es herrscht konzentrierte Stille, während Andreas um den langen Bürotisch geht und den Teilnehmerinnen bei der Arbeit über die Schulter schaut. Bei Elena bleibt er stehen und zeigt, wie der Rettungsring verkleinert werden kann. Stolz fügt Elena den Rettungsring auf die selbst erstellte Webseite ein, eine Palme ist zu sehen. „Sommer, Sonne, Strand und Meer“ lautet der Titel. Draussen, über den Dächern von Bonn, ist keine Sonne zu sehen.
Praktika sind in der Schule verpflichtend
Das Nesthäkchen der Gruppe geht mit 16 Jahren noch zur Schule. Anna will ein Praktikum am Theater machen; ihre Mutter hatte den Aushang für „PraktikumPlus“ zufällig gesehen. Schüler aller Schulformen der allgemeinbildenen Schulen müssen in Nordrhein-Westfalen ein „in der Regel zwei- bis dreiwöchiges Schülerbetriebspraktikum“ in der 9. oder 10. Klasse absolvieren. Das besagt ein Runderlass zur Berufsorienterung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung vom 6. November 2007. Zwar sind die Schulen verpflichtet Praktika anzubieten; über die Organsiation entscheiden sie nach Auskunft des Ministeriums aber eigenverantwortlich.
Klare Vorstellungen der Zukunft eher selten
Das Abitur hat Hanna in der Tasche, sie scheint als Einzige sehr konkrete Ideen für ihre berufliche Zukunft zu haben: In einer Werbeagentur praktische Erfahrungen sammeln und Kommunikationsdesign studieren. Soviel Klarheit wie der 19jährigen ist nicht jedem vergönnt. „PraktikumPlus“ kann aber ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Berufsfindung sein.


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